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Immaterielles Kulturerbe

Das immaterielle Kulturerbe umfasst kulturelle Traditionen in all ihren Facetten – von gesellschaftlichen Bräuchen und Festen über historisch gewachsene Handwerkstechniken bis hin zu lokalen Musik- und Tanzformen. Diese Kulturformen leben vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Sie kennen die Gepflogenheiten eines Brauchs oder Tanzes und üben diesen regelmäßig aus, sie wissen um die Techniken eines Handwerks und fertigen entsprechende Erzeugnisse. Zugleich erhalten die Bürgerinnen und Bürger kulturelle Traditionen, indem sie ihr Wissen und Können an nachwachsende Generationen weitergeben. Auf diese Weise prägen die Menschen mit ihrem kulturellen Handeln die regionale Identität und stärken den Gemeinschaftssinn.

"Frau Sunna" winkt beim Festumzug des Eisenacher Sommergewinns den Menschen zu

Bundesweites Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes

Um den weltweiten Reichtum an kulturellen Traditionen zu schützen und sichtbarer zu machen, hat die UNESCO 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes verabschiedet. Die Bundesrepublik Deutschland ist der UNESCO-Konvention 2013 beigetreten und hat daraufhin das Bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe initiiert.

Dieses wird in einem mehrstufigen Verfahren in Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Deutscher UNESCO-Kommission erstellt. Derzeit umfasst das Bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe 131 Einträge. Thüringen ist mit vier Kulturformen vertreten:

Landesverzeichnis Immaterielles Kulturerbe Thüringen

Das Landesverzeichnis bildet regional bedeutende Kulturformen ab und macht so die kulturelle Vielfalt Thüringens sichtbar. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung für das Engagement der Bürgerinnen und Bürger, die im Sinne des UNESCO-Übereinkommens traditionelle Bräuche und Feste, Handwerkstechniken und künstlerische Ausdrucksformen nachhaltig pflegen und damit zum sozialen Zusammenhalt vor Ort beitragen.

Ein Preisgeld geht mit der Eintragung in das Landesverzeichnis nicht einher.

Logo des Landesverzeichnis Immaterielles Kulturerbe Thüringen
  • Die Gedanken von Christian Brehm und seines Sohnes Alfred Brehm zum Naturschutz sind bis heute so relevant wie populär. Davon zeugt allen voran das Buch „Brehms Tierleben“. Das Museum „BREHMS WELT – Tiere und Menschen“ in ihrer Heimatgemeinde Renthendorf widmet sich beiden Naturforschern und den Beziehungen zwischen Menschen und Tieren in Vergangenheit und Gegenwart. Besonderes Anliegen des Museums ist die Umwelt- und Naturbildung von Kindern und Jugendlichen.

    Zugleich versteht sich Brehms Welt und der Förderkreis Brehm e. V. als Kulturzentrum im und für den ländlichen Raum. Mit Lesungen, Vorträgen und Konzerten werden die Brehmschen Gedanken der Öffentlichkeit vermittelt.

  • Weihnachten in Schweina ist ohne den Fackelbrand nicht vorstellbar. Jedes Jahr zu Heiligabend entzünden Bürgerinnen und Bürger nach Einbruch der Dunkelheit auf dem nahegelegenen Antoniusberg bis zu acht Meter große Reisigfackeln. Der Brauch ist urkundlich seit dem 18. Jahrhundert belegt und stärkt bis heute den sozialen Zusammenhalt in der Gemeinde im Wartburgkreis.

    Hat früher vor allem die Schuljugend die Fackeln aus Reisigbesen und Fichtenreisig gebunden, so sind es heute ansässige Vereine, die die Tradition in Bindegemeinschaften aufrechterhalten und an die nächste Generation weitergeben. Wie tief der Fackelbrand in der lokalen Gemeinschaft verwurzelt ist, zeigt allen voran das Logo der Freiwilligen Feuerwehr, das den Fackelbrand symbolisch darstellt.

  • In Erfurt hat die Brunnenkresse – eine besonders gesunde Frischgemüseart – eine lange Tradition. Bereits um 1630 begann im städtischen Dreienbrunnengebiet der Anbau von Brunnenkresse. Im frühen 18. Jahrhundert entwickelte man dann ein System mit künstlich angelegten Wasserläufen, sogenannten „Klingen“. Diese Anbauform von Brunnenkresse hatte weltweite Vorbildfunktion.

    In der DDR gab man das historische Anbausystem auf, sodass die Brunnenkresse als Salatgemüse weitgehend in Vergessenheit geriet. Nach der Wiedervereinigung hat die Erfurter Familie Fischer wieder eine Klinge errichtet, in der sie bis heute nach überliefertem Wissen Brunnenkresse anbaut. Frisch geerntet, steht das Gemüse im eigenen Hofladen zum Verkauf. Zudem können Interessierte das traditionelle Anbausystem besichtigen.

  • Heiß geliebt oder tief verachtet – „Gartenzwerge“ wecken ganz unterschiedliche Gefühle. Dabei handelt es sich um ein Thüringer Produkt. Mitte des 19. Jahrhunderts begann Heinrich Dornheim in seiner Terrakottafabrik in Gräfenroda, Tierfiguren aus Ton zu fertigen.

    In der Folge siedelten sich mehrere Manufakturen für Tonwaren in der Gemeinde am Rande des Thüringer Waldes an, darunter auch jene von Philipp Griebel. Sie erweiterten bald ihre Produktpaletten um Gnome aus Ton. Die von Griebel begründete Firma ist heute die einzig verbliebene Manufaktur für Gartenzwerge in Thüringen. Die „Zwergstatt Gräfenroda“ pflegt nicht nur die traditionelle Herstellung der Tonfiguren, sondern vermittelt auch die Geschichte des Handwerks in einem eigenen Museum.

  • Der Kindergarten, der als Institution, verbunden mit seinem pädagogischen Konzept, weltweit Verbreitung findet, hat seine Wurzeln in Thüringen. Sein Vordenker Friedrich Fröbel stiftete 1840 in Blankenburg, dem heutigen Bad Blankenburg, den ersten „Allgemeinen deutschen Kindergarten“. Die Kindergartenidee berücksichtigt in besonderer Weise den Spiel- und Tätigkeitstrieb der Kinder. Begleitet durch Erwachsene beschäftigen sich die Kleinen in altersgerechten Bildungsangeboten. Für diese Form der Kinderbetreuung entwickelte Fröbel Ausbildungskurse für Männer und Frauen, die Profession des/r Kindergärtners/in. Seine Schüler und Schülerinnen verbreiteten die Fröbelsche Kindergartenidee weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Bis heute bleibt das Lernen im Spiel (Kindergartenidee) nach Friedrich Fröbel in den Kindergärten, Fröbelmuseen, Vereinen, Verbänden, in Vorträgen, Seminaren, Tagungen sowie Veranstaltungen lebendig.

  • Immer am letzten Samstag zwischen Oktober und März herrscht in Dermbach reges Treiben. Dann steht wieder der Taubenmarkt an. Dort tauschen sich Händler und Halterinnen – oft in Rhöner Mundart – über ihre Erfahrungen bei der Haltung von Kleintieren aus und schließen Geschäfte ab.

    Der Taubenmarkt in Dermbach ist seit über 100 Jahren ein festes Ereignis in der Thüringer Rhön. Ein besonderes Anliegen aller Beteiligten ist die Biodiversität. Dementsprechend achten sie auf den artgerechten Umgang mit den Tieren und bemühen sich um die Weitergabe des entsprechenden Wissens an nachkommende Generationen. 

  • Die Bratwurst gehört zu den Spezialitäten aus Thüringen, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind.

    Mit der Thüringer Bratwurst geht eine identitätsstiftende Kultur einher, die bis nach Franken und Nordhessen reicht. Sie lebt allen voran vom Wissen und Können der inhabergeführten Fleischereien und privaten Metzger. Sie stellen die Wurst in handwerklicher Manier her und verwenden dafür regional sehr unterschiedliche Rezepte. Zudem spielt die Zubereitung eine wichtige Rolle. Für viele ist eine Thüringer Bratwurst nur schmackhaft, wenn sie über einem Holzkohlegrill gebraten wird.

Das Auswahlverfahren zum Landes- und Bundesverzeichnis

Das Auswahlverfahren ist ein mehrstufiger Prozess. Zunächst begutachtet eine unabhängige Fachjury auf Landesebene die eingegangenen Bewerbungen und erstellt Empfehlungslisten. Auf ihrer Grundlage entscheidet der Minister für Kultur über die Aufnahme in das Landesverzeichnis sowie die Nominierungen Thüringens für das Bundesweite Verzeichnis.

Auf Bundesebene werden dann die Vorschläge aller Bundesländer von einem unabhängigen Expertenkomitee der Deutschen UNESCO-Kommission bewertet. Auf Basis ihrer Empfehlungen legen die Kulturministerkonferenz und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien schließlich fest, welche Anträge in das Bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe aufgenommen werden.


Mitglieder der Landesjury

  • Prof. em. Dr. Christel Köhle-Hezinger, bis 2011 Inhaberin des Lehrstuhls für Volkskunde (Empirische Kulturwissenschaft) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Dr. Burkhardt Kolbmüller, Kulturwissenschaftler und Regionalentwickler, Vorsitzender Heimatbund Thüringen e.V.
  • Dr. Kathrin Pöge-Alder, Erzählforscherin, Musikpädagogin, Lehrbeauftragte an der HTWK Leipzig

Beratende Mitglieder (ohne Stimmrecht)

  • Prof. Dr. Tiago de Oliveira Pinto, Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, UNESCO-Chair für Transkulturelle Musikforschung
  • Dr. Juliane Stückrad, Volkskundliche Beratungs- und Dokumentationsstelle Thüringen

Informationen zum Expertenkomitee der Deutschen UNESCO-Kommission

Bewerbungen für Landes- und Bundesverzeichnis

Bewerben können sich Gruppen, die eine Kulturform ausüben und ihr Wissen und Können an zukünftige Generationen weitergeben. Dazu zählen Vereine, bürgerschaftlichen Initiativen und lokale Gemeinschaften.

Alle zwei Jahre findet ein Auswahlverfahren zum Bundesweiten Verzeichnis beziehungsweise Landesverzeichnis Immaterielles Kulturerbe statt. Die nächste Bewerbungsrunde beginnt voraussichtlich im Frühjahr 2023. Alle notwendigen Informationen und Unterlagen finden Sie dann an dieser Stelle.

Weitere Informationen zum Bewerbungsprozess

 

Kontakt

Fragen zum Verfahren und Abgabe der Bewerbungen bitte an:

Thüringer Staatskanzlei
Referat 45
Regierungsstraße 73
99084 Erfurt

Dr. Bertram Triebel
Telefon: 0361- 57 3214 821
ike@tsk.thueringen.de

Beratung zum Auswahlverfahren

Fachliche Fragen rund um die Bewerbung richten Sie bitte an:

IKE-Beratung an der Volkskundlichen Beratungs- und Dokumentationsstelle für Thüringen
Im Dorfe 63
99448 Hohenfelden

Dr. Juliane Stückrad
Tel: 036450 - 831112
beratung@thüringer-freilichtmuseum-hohenfelden.de

Auftaktveranstaltung zum fünften Auswahlverfahren

Die Volkskundliche Beratungsstelle veranstaltet am 19. April 2021 eine digitale Auftaktveranstaltung:

Zum externen Youtube-Kanal 

Aktuelle Nachrichten zum Thema

Aufnahme des Lauschaer Christbaumschmuckes in das Bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Auszeichnung für ein Thüringer Original: Bereits im Frühjahr war der Lauschaer Christbaumschmuck in das Bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe aufgenommen worden. Nun erhielten die Initiatoren der Bewerbung, Dr. Gerhard Greiner-Bär und Lothar R. Richter, bei einer feierlichen Veranstaltung der Deutschen UNESCO-Kommission in Düsseldorf die Urkunde über die Aufnahme. Mit dem Lauschaer Christbaumschmuck wird eine bis heute lebendige Handwerkskunst mit großer Tradition geehrt, die vom kulturellen Reichtum Thüringens zeugt.

Gruppenbild: Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, Dr. Hildegard Kaluza, Abteilungsleiterin Kultur im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Gerhard Greiner-Bär und Lothar R. Richter
Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, Dr. Hildegard Kaluza, Abteilungsleiterin Kultur im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Gerhard Greiner-Bär und Lothar R. Richter

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