Immaterielles Kulturerbe

Das gelebte Kulturerbe hat eine enorme Vielfalt: Traditionelle Gesänge, Heilwissen, Glasmacherei, Bräuche und Instrumentenbaukunst sind nur einige Beispiele. Sie alle sind genauso Ausdruck von Kreativität und Innovation, wie sie Identität und Kontinuität vermitteln. Sie werden vom Meister zum Schüler, von Generation zu Generation weitergegeben. Zu den Ausdrucksformen gehören etwa Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen wie auch Feste und Handwerkskünste.

Damit dieses Wissen und Können erhalten bleibt, hat die UNESCO das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes verabschiedet. Mehr als 150 Staaten sind inzwischen der völkerrechtlich verbindlichen Konvention beigetreten. Diese sieht vor, dass die Vielfalt lebendiger kultureller Ausdrucksformen aus aller Welt in drei Listen des immateriellen Kulturerbes veranschaulicht wird. Mit Stand April 2013 sind über 290 kulturelle Ausdrucksformen aus allen Weltregionen bei der UNESCO verzeichnet.

In Deutschland tritt das UNESCO-Übereinkommen 2013 in Kraft. In einem mehrstufigen Verfahren werden über Länder, den Bund und die UNESCO die entsprechenden Verzeichnisse erstellt. Dieses werden von Jahr zu Jahr wachsen und so langfristig die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in Deutschland sichtbar machen.

Fachliche Bewertung des Kulturerbes

Die fachliche Bewertung des Immateriellen Kulturerbes orientiert sich an folgenden Aspekten:

Kreativität: Kulturformen, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen werden, stehen im Mittelpunkt des Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes. Das über Generationen überlieferte Wissen und die damit verbundenen vielfältigen Fertigkeiten sind wichtige kulturelle Ressourcen; sie sind Ausdruck von Kreativität, Inspiration und Erfindergeist einer Gesellschaft.

Sozialer und intergenerationeller Aspekt: Immaterielles Kulturerbe ist wichtig für den sozialen Zusammenhalt einer Gemeinschaft, es repräsentiert lebendige Alltagskultur, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist die Bewahrung traditioneller und zugleich zeitgenössischer kultureller Ausdrucksformen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

Vielfaltsaspekt: In den kulturellen Ausdrucksformen drückt sich kulturelle Vielfalt aus, die für Einzigartigkeit und Pluralität von Identitäten steht. Die Bandbreite kultureller Wissens-, Ausdrucks- und Praxisformen ist Zeichen des Reichtums einer Gesellschaft.

Bildungsaspekt: Kulturelle Ausdrucksformen eignen sich hervorragend für die kulturelle Bildung junger Menschen im Geiste der Werte der UNESCO (Frieden, Menschenrechte usw.).

Identitätsaspekt: Immaterielles Kulturerbe ist Teil unserer kulturellen Identität. Gemeinschaften und Gruppen spielen als Träger dieser kulturellen Ausdrucksformen eine zentrale Rolle für die Vitalität des immateriellen Kulturerbes.

Ökonomischer Aspekt: Das immaterielle Kulturerbe hat wirtschaftliche Bedeutung, zum Beispiel in den Bereichen Tourismus und Handwerk. Die Auszeichnung mit dem anerkannten Label der UNESCO kann zu zusätzlicher Wertschöpfung beitragen.

Internationaler Aspekt: Immaterielles Kulturerbe kann Ausgangspunkt von interkulturellem Austausch sein. Durch die internationale Zusammenarbeit im Rahmen der Konvention ist anerkanntes immaterielles Kulturerbe nicht nur – wenn auch weiterhin vornehmlich – das Erbe der jeweiligen Gemeinschaft, sondern wird als Erbe der Menschheit betrachtet.

Aspekt der Bestandsaufnahme: Durch Aufstellung von Verzeichnissen, auf nationaler und internationaler Ebene, rückt die Bedeutung des immateriellen Kulturerbes stärker in den Fokus der Öffentlichkeit.

UNESCO-Übereinkommen

Ziele des UNESCO-Übereinkommens sind der Schutz und die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes auf nationaler und internationaler Ebene, die Förderung des Bewusstseins für die Bedeutung des immateriellen Kulturerbes und seiner gegenseitigen Wertschätzung auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene, die Sicherung der historischen Kontinuität der jeweiligen Ausdrucksformen durch Anerkennung von ausgewählten Gebräuchen, Handwerkstechniken und Wissensüberlieferungen und die Förderung der internationalen Zusammenarbeit.

UNESCO-Kriterienkatalog

Unter immateriellem Kulturerbe sind Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten zu verstehen, die wir als Bestandteil unseres Kulturerbes ansehen. Dies können sein:

  • mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen, einschließlich der Sprache als Trägerin des immateriellen Kulturerbes (z.B. traditionelle Gesänge, Sagen, Märchenerzählungen, Redensarten); 
  • darstellende Künste (z.B. Musik, Tanz, Theaterformen); 
  • gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste (z.B. Umzüge, Prozessionen, Karneval, Spiele); 
  • Wissen und Bräuche in Bezug auf die Natur und das Universum (z.B. traditionelle Heilverfahren, landwirtschaftliches Wissen); 
  • traditionelle Handwerkstechniken.

Immaterielles Kulturerbe zeichnet sich durch seine Praxis oder Anwendung in der Vergangenheit, Gegenwart und der (nahen) Zukunft aus, es wird von einer Generation an die nächste weitergegeben. Es wird von Gemeinschaften und Gruppen in Auseinandersetzung mit ihrer Umgebung, in ihrer Interaktion mit der Natur und mit ihrer Geschichte fortwährend neu gestaltet.

Immaterielles Kulturerbe vermittelt ein Gefühl von Identität und Kontinuität, wodurch die Achtung vor der kulturellen Vielfalt und der menschlichen Kreativität gefördert wird. Es steht mit den bestehenden internationalen Menschenrechtsübereinkünften sowie mit dem Anspruch gegenseitiger Achtung von Gemeinschaften, Gruppen und Einzelpersonen sowie der nachhaltigen Entwicklung im Einklang. Eine möglichst weitreichende Beteiligung von Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen, die dieses Erbe schaffen, pflegen und weitergeben, muss gewährleistet werden und nachweisbar sein.

Verfahren

Das Sekretariat der Kultusministerkonferenz erstellt nach den Ländernominierungen eine Vorschlagsliste, die dem Expertenkomitee bei der Deutschen UNESCO-Kommission zur fachlichen Begutachtung zugeleitet wird. Das Komitee spricht Auswahlempfehlungen für die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis aus. Bis zu zwei in das bundesweite Verzeichnis aufgenommene kulturelle Ausdrucksformen können dann für eine der drei internationalen Listen bei der UNESCO nominiert werden. Die abschließende staatliche Bestätigung der Auswahlempfehlungen des Expertenkomitees erfolgt durch die Kultusministerkonferenz im Benehmen mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Das UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes sieht drei internationale Listen vor:

  • Repräsentative Liste: Die kulturelle Ausdrucksform ist ein repräsentatives Beispiel für die weltweite kulturelle Vielfalt und ein Zeugnis menschlicher Kreativität. Sie trägt zudem zur Sichtbarkeit und Bewusstseinsbildung für die Bedeutung des Immateriellen Kuklturerbes bei und ist darauf gerichtet, den interkulturellen Dialog zu fördern. (Beispiele: Pfeifsprache El Silbo von der Kanareninsel La Gomera, Peking-Oper, Heilig-Blut-Prozession in Brügge, argentinischer und uruquayischer Tango) 
  • Liste dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kuklturerbes: Die kulturelle Ausdrucksform ist vom Aussterben bedroht, so dass sofortige Schutzmaßnahmen eingeleitet werden müssen. Oder sie bedarf eines dringenden Schutzes, da ihre Lebensfähigkeit trotz getroffener Maßnahmen gefährdet ist. (Beispiele: chinesische Holzdruckerei, Ojikanje-Gesang aus Kroatien, Kulturraum der katholischen Minderheit der Suiti in Lettland, gesungene Gebete des peruanischen Huachipaire-Volks) 
  • Register guter Praxis-Beispiele: Das Programm, Projekt oder die Initiative stellt eine vorbildliche Maßnahme zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes dar. Sie fördert beispielhaft die Zusammenarbeit zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes auf lokaler, regionaler und/oder internationaler Ebene. Sie spiegelt die Grundsätze und Ziele des Übereinkommens modellhaft wider. Sie trägt zu einer nachhaltigen Praxis der Pflege des immateriellen Kulturerbes bei. Sie wird unter Teilnahme der betroffenen Gemeinschaft, Gruppe oder Einzelpersonen und mit ihrem Einverständnis durchgeführt. Sie ist ein Beitrag zum interkulturellen Dialog und zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Bereich des immateriellen Kulturerbes. (Beispiele: Bewahrung traditioneller Sport- und Spielarten in Flandern, Weitergabe der Volkstanztradition „Tanchaz“ in Ungarn“)

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