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Ministerpräsident Ramelow zeichnet Leszek Szuster in Krakau mit dem Thüringer Verdienstorden aus

128/2022
Erstellt von Thüringer Staatskanzlei

Die Reise von Bundesrats- und Ministerpräsident Ramelow nach Polen ist heute mit einem besonderen Höhepunkt zu Ende gegangen. Im Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Krakau verlieh der Ministerpräsident den Thüringer Verdienstorden an Leszek Szuster, den ehemaligen Direktor der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) in Auschwitz, für seine Verdienste bei der Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten und der Vermittlung dieses Wissens an künftige Generationen.

Fotos von der Verleihung finden Sie zeitnah unter: https://www.dropbox.com/scl/fo/g2d5h9wuviusvuruk1aww/h?dl=0&rlkey=2aix9kdam2r22wei937swy96q. Bitte verwenden Sie als Quellenangabe „Jacob Schröter/TSK“.

 

In der Laudatio auf den Ausgezeichneten heißt es u.a.:

 

Bis zu seiner Pensionierung am 31. März 2022 war Leszek Szuster über 26 Jahre lang Direktor der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswięcim / Auschwitz.

In dieser Funktion hat er sie wie kein Zweiter geprägt und ihre vielfältige und erfolgreiche Arbeit maßgeblich gestaltet. Das Wirken der Jugendbegegnungsstätte wird noch lange mit seinem Namen verknüpft bleiben.

Leszek Szuster wurde am 8. Mai 1956 in Oswięcim geboren. Auch seine Eltern stammten aus der Stadt und haben somit die Zeit der NS-Herrschaft unmittelbar er- und überlebt.

Trotz dieser historischen Hypothek wuchs er in einer Familie auf, die bereits in den frühen 1960er Jahren regelmäßige Kontakte nach Deutschland pflegte, insbesondere zu Engagierten der Aktion Sühnezeichen. Das hat ihn nachhaltig geprägt und auch sein Interesse an der deutschen Sprache geweckt.

Leszek Szuster ist ein herausragendes Beispiel dafür, dass bisweilen eben auch nicht geradlinig verlaufende Erwerbsbiografien am Ende zu einer Bestimmung führen können, die das Leben vieler nachhaltig beeinflussen.

Der studierte Bauingenieur arbeitete zunächst einige Jahre als Bauleiter und studierte berufsbegleitend Pädagogik. Anschließend arbeitete er als Mathematiklehrer und absolvierte schließlich ein Studium der Philosophie an der Jagiellonen-Universität hier in Krakau.

Im Jahr 1996 trat er dann zunächst einen Posten als stellvertretender Direktor der Jugendbegegnungsstätte Oswięcim an. Als Baufachmann übernahm er die Verantwortung für den zweiten Bauabschnitt der IJBS.

Mit der zehn Jahre zuvor auf Initiative der Aktion Sühnezeichen gegründeten IJBS sollte ein Ort der Begegnung geschaffen werden, an dem die Auseinandersetzung mit dem Holocaust auf verschiedenen Ebenen begleitet wird, und an dem junge Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen.

Schnell entwickelte Herr Szuster über seine Hauptaufgabe hinaus eine Leidenschaft für die eigentliche Arbeit der IJBS, und nach einiger Zeit wurde er zu deren Direktor berufen. In den 26 Jahren seiner Tätigkeit hat Leszek Szuster der IJBS schließlich das Profil verliehen, das sie heute auszeichnet.

Er hat dabei das Thema „Begegnung“ ganz neu definiert. Interaktive Aktivitäten ergänzten in zunehmendem Maße die klassischen Besuche von Jugendgruppen mit Diskussionsangeboten. Und auch ganz normale, jugendtypische Freizeitbeschäftigungen wie Sport und Spiel wurden integraler Bestandteil der Besuchsprogramme.

Ganz besonders lag Herrn Szuster dabei die Begegnung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, mit Überlebenden des Holocaust am Herzen. Er brachte sie in der IJBS bewusst mit jungen Menschen zusammen, um das Erlebte authentisch an die nachkommenden Generationen zu vermitteln.

Die IJBS wurde so zu einer zentralen Anlaufstelle für viele Überlebende. Die Schriftstellerin Zofia Posmysz – eine polnische Widerstandskämpferin und KZ-Überlebende – hat einmal gesagt, die IJBS sei ihr ein zweites Zuhause geworden.

Die Wertschätzung der Überlebenden für seine Arbeit war und ist für Leszek Szuster immer die höchste Anerkennung und Triebfeder seines Tuns gewesen. Ein greifbares Ergebnis dieses Engagements war die Einrichtung eines Hospizes für NS-Überlebende in Oswięcim.

Herr Szuster hat auch in der Bildungsarbeit der IJBS neue Wege beschritten. Ein besonders bemerkenswertes Produkt dieser Bemühungen ist die „Biennale des Politischen Plakats“, die seit 2006 kontinuierlich alle zwei Jahre als Wettbewerb ausgetragen wird.

Die Ergebnisse werden anschließend europaweit in Ausstellungen gezeigt. Eine feste Adresse ist dabei immer das Europäische Parlament, und auch in Thüringen waren schon zwei Ausstellungen zu sehen.

In thematischen Workshops kamen außerdem internationale Künstlerinnen und Künstler zusammen, deren Werke das Publikum auf völlig neue Weise an diese bedrückende Thematik herangeführt haben. Auch Konzerte und Lesungen mit renommierten Akteurinnen und Akteuren aus dem In- und Ausland waren immer wieder in der IJBS zu Gast.

Leszek Szuster ist es damit auf eindrucksvolle Weise gelungen, die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis – mit der Ermordung von Millionen von Menschen – auch über die Kunst begreifbar zu machen.

Herr Szuster engagiert sich aber auch bis heute leidenschaftlich als Bürger der Stadt Oswięcim und als Abgeordneter des Kreistages für die Partei „Bürgerplattform“.

Er hat zudem die Türen der IJBS für die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt geöffnet und Kontakten mit deren Gästen ermöglicht. So wurde die IJBS Teil des regionalen Kulturangebots.

Herr Szuster hat mit seinen vielfältigen Aktivitäten weit über sein direktes Umfeld hinaus die Beschäftigung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus befördert. Sein Wirken strahlt über die Grenzen Polens hinaus nach Europa und in die ganze Welt.

Seit die Stadt Oswięcim und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zur Partnerregion von Thüringen, der Woiwodschaft Małopolska gehören, hat er eine besonders enge Beziehung zum Freistaat.

Leszek Szuster und die IJBS haben sich im Laufe der Zeit zu einem verlässlichen Projektpartner für den Freistaat Thüringen entwickelt und sich als eine feste Größe in unserer Erinnerungskultur etabliert.

Herr Szuster hat das Haus sowohl für Thüringer Jugendgruppen als auch für Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft geöffnet. Besuche in der Gedenkstätte waren häufig mit einem anschließenden Besuch in der IJBS verbunden: zum Reflektieren und zum Austausch mit dem Direktor und den Gästen.

Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Thüringen haben an unterschiedlichsten Wettbewerben und Workshops in der IJBS teilgenommen, und ebenso häufig konnten deren Werke in Ausstellungen in Berlin und in Thüringen besichtigt werden – zuletzt im Mai dieses Jahres zur Eröffnungsveranstaltung zum Internationalen Museumstag auf Schloss Burgk.

 

Die Berufung von Leszek Szuster zum Direktor der Internationalen Begegnungsstätte Oswięcim hat sich in der Rückschau als absoluter Glücksfall erwiesen.

Es ist ihm und seinem Mitarbeiterteam gelungen, am schrecklichsten Ort deutscher Verbrechen einen Platz zu schaffen, der es Jugend- und Schülergruppen ermöglicht, im Rahmen eines Gedenkstättenbesuchs das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten und zu reflektieren, sich aber gleichzeitig auch von der fordernden Arbeit vor Ort zu erholen.

Es war ihm immer wichtig, nicht nur eine Stätte des Gedenkens und das Zurückblickens zu leiten, sondern vielmehr einen Ort zu schaffen, der der Zukunft zugewandt ist; einen Ort, der in Auseinandersetzung mit dem historischen Wissen auch Optimismus verbreitet und die Jugend als Partner für das Projekt Zukunft gewinnt, aber auch anerkennt.

Besonders wichtig war und ist ihm dabei die Entwicklung des deutsch-polnischen Verhältnisses: „Auf dem Boden dieser gemeinsamen, leidvollen Geschichte muss man eine gute Nachbarschaft zwischen unseren Ländern entwickeln, wir haben gar keine andere Wahl.“ Diese Erkenntnis und der damit verbundene Optimismus waren der Leidfaden durch Leszek Szusters gesamtes Berufsleben hindurch. Sein Name steht für Erinnern, Verständigung und Aussöhnung.

Als im Februar 2022 Russland die Ukraine überfiel, öffnete Szuster die IJBS sofort für geflüchtete Frauen und Kinder. Somit steht sein Name auch für Solidarität und eine mitfühlende Menschlichkeit, die uns allen zum Vorbild gereicht.

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