Seitenbeginn . Zur Hauptnavigation . Zum Seiteninhalt

Universität Jena gibt menschliche Überreste aus ihrer Sammlung an Hawai'i zurück

14/2022
Erstellt von Thüringer Staatskanzlei

Mit einer feierlichen Zeremonie am Donnerstag, 10. Februar 2022, gibt das Phyletische Museum der Friedrich-Schiller-Universität Jena menschliche Überreste „Iwi Kūpuna“ an Vertreterinnen und Vertreter des Bundesstaates Hawai’i (USA) zurück.

Im Zuge der Recherche von Objekten mit kolonialem Hintergrund wurden in der Sammlung des Phyletischen Museums der Universität Jena sogenannte „Iwi Kūpuna“ (menschliche Überreste) von drei Individuen entdeckt. Im Rahmen einer proaktiven Provenienzforschung erging im Sommer 2021 ein Rückgabeangebot an Hawai’i. Mit der Aussonderung der Sammlungsobjekte, dem sogenannten Deakzessionierungsverfahren, folgt die Thüringer Sammlung den 2019 beschlossenen „Ersten Eckpunkten“ zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Darin erklären die Kulturministerinnen und Kulturminister der Länder, Vertreterinnen und Vertreter des Bundes und der kommunalen Spitzenverbände die generelle Bereitschaft zur Rückführung solchen Sammlungsguts, insbesondere von menschlichen Überresten, in die Herkunftsstaaten und Herkunftsgesellschaften.

Kulturstaatssekretärin Tina Beer wird an der Übergabezeremonie an das Office of Hawaiian Affairs, vertreten durch Edward Halealoha Ayau, gemeinsam mit Nachfahren aus Hawai’i teilnehmen. Sie betont: „Bereits seit vielen Jahren setzt sich der Freistaat Thüringen aktiv, mit Vehemenz und in unzähligen Projekten unablässig dafür ein, dass Sammlungen erforscht, Herkunftswissen recherchiert und daraus Handlungsoptionen abgeleitet werden können. Transparenz ermöglicht weltweite Teilhabe und ist Ausgangspunkt für den Dialog mit den Herkunftsstaaten und Herkunftsgesellschaften. Die Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit und der in ihr begangenen Verbrechen als Teil unserer gesellschaftlichen Erinnerungskultur gehört zum Grundkonsens in Deutschland für alle Bereiche der Gesellschaft, Kultur, Bildung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Der Freistaat Thüringen hat kein ethnologisches Museum, gleichwohl kommt er seiner umfassenden ethischen Verantwortung zur Aufarbeitung der Herkunft von Sammlungsgut im kolonialen Kontext nach.“

Die hawaiianische Delegation besucht für Rückgaben insgesamt vier Städte in verschiedenen Bundesländer im Zeitraum vom 8. bis 11. Februar 2022. Nach Bremen und Göttingen folgt Jena, im Anschluss Berlin. Eine weitere Übergabe findet am 14. Februar 2022 in Wien, Österreich, statt.

Die Rückgabezeremonie in Jena am 10. Februar 2022 um 16 Uhr wird live aus der Aula im Universitätshauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität Jena gestreamt.

zum Livestream

Hintergrund:

Die Themen Provenienzforschung und Restitution sind seit mehr als 30 Jahren fest in der Kulturpolitik der Länder und des Bundes verankert und werden in gemeinsamen bundesweiten Projekten und vor Ort in Kultur- und wissenschaftlichen Einrichtungen vorangetrieben. Dazu gehören sowohl NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, die Erforschung der Herkunft von Sammlungen und Objekten aus kolonialen Erwerbskontexten als auch die Provenienzforschung, die den Bereich der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR betrifft.

Die Bundesregierung und die Bundesländer haben im Jahr 2018 Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten beschlossen. Im Jahr 2019 nahm eine zentrale Anlaufstelle – die Kontaktstelle für „Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland“ bei der Kulturstiftung der Länder – für alle diesbezüglichen Fragstellungen ihre Arbeit auf.

Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg fördert seit April 2018 Projekte zum Umgang mit Kul­tur- und Samm­lungs­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten über fi­nan­zi­el­le Zu­wen­dun­gen. Dazu gehört beispielsweise auch das Thüringer Projekt der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, das die Herkunft von 30 menschlichen Überresten indonesischer Herkunft erforschen wird, die seit den 1860er-Jahren in der herzoglichen Sammlung im thüringischen Gotha nachgewiesen sind.

Durch eine Sonderförderung der Thüringer Staatskanzlei wurde 2021 die Koordinierungsstelle Provenienzforschung in der Geschäftsstelle des Museumsverbandes Thüringen eingerichtet, die Thüringer Museen bei einem Erst-Check ihrer Sammlungen, der Bedarfsanalyse und bei Anträgen zur Provenienzforschung unterstützt. 

Ebenfalls wurde die „Wissenschaftliche Koordinationsstelle zur Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in Thüringen“ an den Universitäten Jena und Erfurt initiiert, gefördert vom Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft.

Weitere große Projekte, wie der Aufbau eines weltweit zugänglichen Online-Portals „Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ innerhalb des bestehenden Portals der Deutschen Digitalen Bibliothek, sind mit finanzieller Unterstützung des Bundes und der Länder gestartet.

Das Phyletische Museum in Jena folgt mit der Rückgabe den Richtlinien und Empfehlungen für einen sensiblen Umgang mit Kulturgütern wie auch mit menschlichen Überresten, die sich die deutschen Museen gegeben haben. Dies sind auf internationaler Ebene die „Ethischen Richtlinien für Museen“ des Internationalen Museumsrats (ICOM) sowie auf nationaler Ebene die „Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen“ und der „Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ des Deutschen Museumsbundes.

Das Phyletische Museum wurde 1907 von Ernst Haeckel begründet. Es widmet sich vor allem der Stammesgeschichte (Phylogenese). Am 30.7.1908 übergab Haeckel das Gebäude der Universität Jena. Heute ist das Museum Teil des Institutes für Zoologie und Evolutionsforschung. Das Haus widmet sich den klassischen Bereichen eines naturkundlichen Forschungsmuseums: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. Die Sammlung, deren Geschichte bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht, umfasst mindestens 500.000 Stücke und Serien.

Der Freistaat Thüringen in den sozialen Netzwerken: