Bund fördert deutsch-polnisches Jugendprojekt des Freistaats Thüringen zum europäischen Kulturerbejahr 2018

182/2018 Erstellt von Thüringer Staatskanzlei

Das gebaute Kulturerbe verbindet über nationale Grenzen in Europa hinweg. Dies lässt sich auch am Beispiel von dem frühen sozialen Wohnungsbau erleben, wie er in der Zeit der Industrialisierung entstand.

Das möchte ein Projekt des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) am Beispiel der Siedlungen von Heinrich Tessenow in Pößneck und in Inowroclaw (Polen) Jugendlichen aus Thüringen und Polen nahe bringen, indem diese sich mit dem baulichen Erbe in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld auseinandersetzen und Querbezüge zu anderen europäischen Regionen entdecken. Das deutsch-polnische Jugendprojekt des Landes wird vom Bundesministerium für Kultur und Medien (BKM) unter dem Leitthema „Die Europäische Stadt“ mit 25.000 Euro finanziell unterstützt, weitere 25.000 finanziert das Land.

„Ich habe die Projektidee von Anfang an unterstützt und freue mich sehr, dass dies jetzt auch vom Bund mit gefördert wird. Genau das soll das Kulturerbejahr bewirken: Dass die Menschen über das Kulturerbe erleben, wie sehr wir in Europa über die Jahrhunderte über Grenzen hinweg verbunden sind. So gesehen trägt das Projekt auch zum Zusammenhalt in der EU bei – neben dem Schärfen des Bewusstseins, warum wir alte Gebäude unter Denkmalschutz stellen und diese erhalten“, sagt die sowohl für Kultur als auch für Europa zuständige Staatssekretärin Babette Winter (SPD).

Erreicht werden soll eine Bewusstseinsstärkung für den Zeugniswert der heimischen baukulturellen Hinterlassenschaften sowie für ihren Beitrag zur Entwicklung der modernen europäischen Gesellschaften und ihrer gemeinsamen Werte. Diese können, wie im Fall von Inowrocław, auch über den mehrfachen kurzfristigen, kompletten Wechsel der Bewohner durch die tragische europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts erkennbar bleiben. Und nicht zuletzt soll vermittelt werden, dass Gemeinschaftssinn sowie gesunde, auskömmliche Wohn- und Lebensbedingungen nicht immer selbstverständlich waren – und dass es sich lohnt, für sie im Sinne eines funktionierenden solidarischen und demokratischen Gemeinwesens auch heute immer wieder aktiv einzutreten.
Das Projekt versteht sich auch als ein Beitrag zur Demokratieförderung. Konzeptionell erfolgt eine Vorbereitung durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Zunächst wird in Form eines „Mitmach-Projektes“ zur fotografischen Entdeckungstour aufgerufen. Spezifische Erscheinungen des baulichen Erbes im eigenen Lebensumfeld sollen von den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aktiv erschlossen werden um herauszuarbeiten, welche unterschiedlichen anschaulichen Informationen diese baulichen Sachzeugnisse enthalten. Ansprechpartner hierzu sind die Gymnasien in Inowrocław und Pößneck – das III Liceum Ogólnokształcące und das Gymnasium "Am Weißen Turm". Sie veranstalten mit Unterstützung des Projektkoordinators entsprechende denkmalpädagogische Projekte. Weitere Projektpartner sind: die Heinrich-Tessenow-Gesellschaft e.V. in Hamburg, die Bauhaus-Universität Weimar/Lehrstuhl Denkmalpflege, die Kujawische Wohnungsgenossenschaft Inowrocław, die Grundstücks- und Wohnungsgesellschaft Pößneck/Triptis mbH und der Denkmalkonservator der Woiwodschaft Kujawien-Pommern .
Zum „Tag des offenen Denkmals“ im September 2019 ist ein gemeinsames Kolloquium mit Workshops in Pößneck geplant mit polnischen und deutschen Jugendlichen. Die Veranstaltung wird vom Landesamt organisiert und von Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar wissenschaftlich unterstützt.

Hintergrund:
Im Jahr 2018 wird europaweit dem Ende des Ersten Weltkrieges gedacht. Gleichzeitig markieren die Jahre 1918 und 1919 in verschiedenen europäischen Ländern den Beginn einer neuen demokratischen Epoche. Deutschland erhielt mit der Weimarer Verfassung von 1919 der im November 1918 ausgerufenen Republik ein demokratisches Grundgerüst. Sein östlicher Nachbar Polen entstand als eigenständiger Nationalstaat. Mit diesen politischen Entwicklungen ging in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens einerseits eine enorme Aufbruchstimmung einher. Andererseits sahen sich die neuentstandenen Staaten mit massiven sozialen Problemen konfrontiert. Eine der drängendsten Aufgaben der Zeit stellten Wohnungsnot und schlechte Wohnbedingungen in den verelendeten Arbeiterquartieren der europäischen Großstädte dar, die infolge der Industrialisierung explosionsartig gewachsen waren. Verschiedene Flucht- und Umsiedlungsbewegungen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verschärften dieses Problem. Um dem zu begegnen, wurden zahlreiche architektonische Konzepte des Siedlungsbaus entwickelt, die bezahlbaren, gute Lebensbedingungen bietenden Wohnraum schaffen sollten. Dazu zählt die aus England stammende Gartenstadt-Bewegung, die das Prinzip eines planmäßig angelegten, durchgrünten Stadtraums propagierte. Beispiele innovativer Siedlungsbauten entstanden europaweit und wurden üblicherweise über Baugenossenschaften finanziert. Sie besitzen heute herausragenden Zeugniswert für die Lösungsansätze ihrer Entstehungszeit.

Heinrich Tessenow ist einer der wichtigsten Reformarchitekten Europas. Er engagierte sich Anfang bis Mitte des 20. Jhr. insbesondere für die Reformierung des Wohnungsbaus. Mit seinen Gartenstadtentwürfen verband er sachliche und schlichte aber auch bezahlbare Wohnungen und Siedlungshäuser mit Nutzgärten für die Bewohner. Dieses Modell der Stadtentwicklung war die Reaktion auf die seinerzeitigen schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse vor allem der Arbeiterklasse in den Großstädten.

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